Die gemeinsame elterliche Sorge
 
Rechtlicher Hintergrund
 

Entsprechend Artikel 6 Abs. 2 GG (Grundgesetz) ist die Pflege und Erziehung der Kinder das natürliche Recht der Eltern und die Ihnen "zuvörderst ... obliegende Pflicht".

Im BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) findet sich dieser Gedanke als "elterliche Sorge" wieder. Es handelt sich bei diesem juristischen Begriff um den rechtlichen Mantel zur Verwirklichung des Kindeswohles. Aber für das Kind ist nicht der formal-juristische Aspekt, sondern die praktische Umsetzung der Elternpflicht bzw. der Elternverantwortung (entsprechend den vorhergehenden Beiträgen) von letztendlicher Bedeutung, d.h. Sorgerecht verstanden als Recht des Kindes auf Sorge.

Verheiratete Eltern üben - im Gegensatz zu nichtverheirateten Eltern, die zur Erlangung der gemeinsamen elterlichen Sorge eine Sorgeerklärung abgeben müssen (vgl. Kapitel Nichtverheiratete Eltern) - automatisch die gemeinsame elterliche Sorge aus.

Die Verantwortung gegenüber dem Kind wird je nach individueller familiärer Situation in den verschiedensten Formen wahrgenommen, ohne daß der Gesetzgeber einen Anlaß zum Eingriff sieht (außer bei Gefährdung des Kindes). Folgerichtig wurde zum 1.7.1998 in das BGB eingearbeitet, daß auch bei Trennung oder Scheidung der Eltern die gemeinsame elterliche Sorge weiterbesteht. Nur in Ausnahmefällen soll die Trennung bzw. Scheidung der Eltern Anlaß sein, die elterliche Sorge auf einen Elternteil allein zu übertragen.


§ 1671 BGB

(1) Leben Eltern, denen die elterliche Sorge gemeinsam zusteht, nicht nur vorübergehend getrennt, so kann jeder Elternteil beantragen, daß ihm das Familiengericht die elterliche Sorge oder einen Teil der elterlichen Sorge allein überträgt.

(2) Dem Antrag ist stattzugeben, soweit

1. der andere Elternteil zustimmt, es sei denn, daß das Kind das vierzehnte Lebensjahr vollendet hat und der Übertragung widerspricht, oder

2. zu erwarten ist, daß die Aufhebung der gemeinsamen Sorge und die Übertragung auf den Antragsteller dem Wohl des Kindes am besten entspricht.


§ 1687 BGB regelt "für getrenntlebende Eltern, denen die gemeinsame elterliche Sorge zusteht", daß "Angelegenheiten des täglichen Lebens" von dem getroffen werden, der das Kind tatsächlich betreut und nur Belange, deren Regelung von "erheblicher Bedeutung" ist, ein gegenseitiges Einvernehmen erfordern.

Dies entspricht inhaltlich der Vereinbarung, wie sie schon bisher von der IETE vorgeschlagen wurde und auf den nachfolgenden Seiten näher erläutert wird.

 
 
Allgemeine Erfahrungen mit der gemeinsamen elterlichen Sorge
 
Da die gemeinsame Elternschaft eine lebenslange Verantwortung bedeutet, versteht es sich von selbst, daß diese im Interesse der Kinder nicht mit dem Zeitpunkt der Scheidung plötzlich beendet werden kann. Gerade in Krisensituationen brauchen Kinder, aber auch Eltern, ein Optimum an Beziehungskontinuität. Dem Kind bleibt ein schwer belastender Loyalitätskonflikt erspart, wenn es sich nicht für einen der beiden existentiellen Bezugspersonen entscheiden muß. Gleichzeitig wird der kindlichen Phantasie vorgebeugt, sich zum Schuldigen der Trennung seiner Eltern zu machen.

Darüber hinaus zeigen unsere Erfahrungen, daß die Beibehaltung der gemeinsamen elterlichen Sorge das Kind aus dem Fokus der trennungsbedingten Auseinandersetzung herausnimmt. Die Konflikte können dadurch dort, wo sie wirklich bestehen, bearbeitet und gelöst werden, nämlich zwischen den Partnern. Dadurch wird vermieden, daß das Kind bzw. die Frage der Übertragung der elterlichen Sorge als Verhandlungsgegenstand oder als Faustpfand mißbraucht wird.

Die Beibelassung der gemeinsame elterliche Sorge dokumentiert ausschließlich die Verantwortung von Mutter und Vater gegenüber ihrem Kind. Sie hat keinerlei Auswirkungen auf die anderen Fragen, wie z.B. Ehegattenunterhalt oder Betreuungs - bzw. Umgangsregelung. Deshalb empfiehlt es sich, die Mutter-Kind- und Vater-Kind-Kontakte konkret zu vereinbaren. Dadurch wird gewährleistet, daß den Kindern auch in Phasen, in denen sich die Kommunikation zwischen den Eltern problematisch gestaltet, die Sicherheit einer kontinuierlichen Beziehung zu beiden Elternteilen erhalten bleibt. Während der Zeit, in der keine Spannungen auftreten, kann man ohne weiteres die Regelung im gegenseitigen Einverständnis variieren oder durch andere ersetzen.

Die erfolgreich praktizierten Betreuungsregelungen reichen von der "üblichen" Regelung (jedes 2. Wochenende und die Hälfte der schulfreien Tage lebt das Kind beim außerhalb lebenden Elternteil) bis hin zu einer zeitlich ausgewogenen Betreuung (z.B. im wöchentlichen Turnus). Entgegen den Befürchtungen, daß das Kind nicht weiß, wo es "hingehört", oder daß es zu "unruhig" sei, zeigt sich, daß Kinder, die in zwei zwischenzeitlich stabilen Familien wohnen, vermehrt Sozialkontakte und Impulse für ihre Entwicklung aufnehmen können. Das Kind kann die neuen Lebenspartner der Eltern relativ problemlos integrieren, wenn die Beziehung zu Mutter und Vater das lebendige und ungefährdete Zentrum der kindlichen Großfamilie bleibt. Ein hinzukommender Partner wird aus der Sicht des Kindes nie die Rolle eines leiblichen Elternteiles ersetzen können!

Sowohl für Mutter und Vater einzeln, als auch im Verhältnis zueinander wirkt sich die Beibehaltung der gemeinsamen elterliche Sorge positiv aus. Die Sicherheit, nicht aus der Erziehung des eigenen Kindes ausgeschaltet bzw. mit der ganzen Verantwortung nicht allein gelassen zu werden, gibt den Eltern die Möglichkeit, sich unabhängig von der Trennung/ Scheidung vom Partner, voll verantwortlich für ihr Kind zu fühlen.

Durch das Weiterbestehen der gemeinsamen elterlichen Sorge, können Mutter und Vater z.B. Auskünfte vom Arzt oder Lehrer des Kindes einholen. Dadurch erleben beide Eltern, daß es keinen "Gewinner" und keinen "Verlierer" gibt. Das elterliche und persönliche Selbstwertgefühl bleibt unangetastet. Damit bestehen die besten Voraussetzungen, daß sich Mutter und Vater ihrer elterlichen Liebe und Verantwortung entsprechend für das Kind einsetzen.
 
 
Die gemeinsame elterliche Sorge im Alltag
 
Ein wichtiger Grundpfeiler für eine gemeinsame und verantwortungsvolle Elternschaft nach Trennung/Scheidung ist das Prinzip der Nichteinmischung in die Privatsphäre des ehemaligen Partners.

Die alltäglichen Fragen, wie z.B., wann und wie Hausaufgaben gemacht werden, liegen im Verantwortungsbereich desjenigen Elternteils, bei dem das Kind gerade lebt. Die strikte Einhaltung des Nichteinmischungsprinzips gewährleistet den ehemaligen Partnern die Sicherheit, daß man sich nicht gegenseitig kontrolliert. Darüber hinaus wird vermieden, daß nicht aufgelöste Beziehungskonflikte unnötig weitergeführt werden.

Mutter und Vater sollen sich jeweils voll verantwortlich für die Zeit des Zusammenlebens mit ihrem Kind fühlen können. Insofern steht eine größere räumliche Distanz zwischen den Wohnorten der Eltern der Ausübung der gemeinsamen elterlichen Sorge nicht entgegen. Ganz im Gegenteil: Gerade bei großen Entfernungen zwischen Mutter und Vater ist es sinnvoll, daß beide alle Entscheidungskompetenzen für den Alltag mit dem Kind besitzen, wie dies eben bei der gemeinsamen elterlichen Sorge der Fall ist.

Es ist wichtig, daß Mutter und Vater ihre Elternverantwortung im Sinne einer liebevollen Beziehung zu ihrem Kind leben können und der zeitliche Rahmen dafür geschaffen wird. Dabei ist es gut, wenn die Eltern in alltäglichen Fragen zu einer Übereinstimmung kommen - Voraussetzung für eine erfolgreiche Ausübung der gemeinsamen elterlichen Sorge ist es aber nicht. Auch in einer zusammenlebenden Familie sind die Erziehungsvorstellungen der Eltern nicht immer kongruent. Auch wenn unterschiedliche Erziehungsstile für die Kinder einen ausgleichenden, einen ergänzenden Charakter haben können, sollten wichtige Fragen (der Gesetzgeber spricht in § 1687 BGB von Angelegenheiten von erheblicher Bedeutung), wie z.B. Ausbildungsweg des Kindes, miteinander abgestimmt werden. Wenn Eltern sich diesbezüglich nicht einigen können, ist es ratsam, daß sie von ihrem gesetzlich verankertem Recht auf Beratung Gebrauch machen. Beim Jugendamt / Allgemeinen Sozialdienst oder bei einer einschlägigen Beratungsstelle wie z.B. der IETE können die Eltern die Problematik im Beisein eines neutralen und fachkundigen Dritten diskutieren und mit dessen Unterstützung zu einer gemeinsamen Lösung gelangen.

Halten Sie sich in solchen Fällen immer vor Augen, daß es auch in einer zusammenlebenden Familie zu Konflikten bezüglich der Kinder kommt, die sich allerdings dadurch unterscheiden, daß die Eltern als Ehepartner aufeinander zugehen und deshalb offener für die Argumente des anderen sind. In welcher Phase es auch immer zu Kontroversen zwischen Ihnen und Ihrem ehemaligen Partner kommt, ist zu beachten, daß Kinder am Vorbild ihrer Eltern lernen, wie Konflikte konstruktiv gelöst werden.

Darüber hinaus spüren Kinder ganz genau, wenn Spannungen zwischen ihren Eltern auftreten. Sprechen Sie deshalb schon von Anfang an in altersangemessener Form mit Ihrem Kind und klären es darüber auf, daß es sich um einen Konflikt zwischen Ihnen als Partner handelt, der aber die Liebe von Mutter und Vater zu ihm nicht beeinträchtigt. Damit vermeiden Sie unbegründete Phantasien, die Ihr Kind schwer belasten können. Kinder sind vom Konflikt ihrer Eltern immer betroffen; sie haben deshalb ein Recht darauf, das für sie Wichtige und Wesentliche zu erfahren. Dazu gehört vor allem, daß sie weiterhin eine liebenswerte Mutter und einen liebenswerten Vater erleben können. Es geht also auch im Hinblick auf die Kinder darum, wie mit Konflikten umgegangen wird. Jeder muß sich täglich der Herausforderung stellen (potentielle) Konflikte konstruktiv zu lösen; dabei macht der Umgang mit Ihrem ehemaligen Partner im eigenen und im Interesse Ihres Kindes keine Ausnahme.