Partnerschaft kann zerbrechen, Elternschaft ist nicht auflösbar

 

Liebe Eltern,

unter dieser Gedankenüberschrift arbeiten wir seit Oktober 1985 mit Familien, die sich in einer Trennungs- bzw. Scheidungssituation befinden.

Seit dieser Zeit haben sich die rechtlichen Rahmenbedingungen in wesentlichen Punkten geändert. So wurde unter anderem die gemeinsame elterliche Sorge bei Scheidung als Regelfall eingeführt (vgl. Kapitel Elterliche Sorge) und die Möglichkeit der gemeinsamen elterlichen Sorge für Kinder nichtverheirateter Eltern eröffnet (vgl. Kapitel Nichtverheiratete Eltern).

Neu ist auch, Eltern und Kindern ein Recht auf psychosoziale Beratung durch das Jugendamt oder durch einschlägige Beratungsstellen, wie z.B. der IETE einzuräumen.

Diese Änderungen vermögen den meist sehr schmerzhaften emotionalen Trennungsprozeß an manchen Stellen erleichtern, die große psychische Belastung für die einzelnen Familienmitglieder und das gesamte Familiensystem bleibt dennoch erhalten. Deshalb ist es sinnvoll, alle anstehenden Probleme ausgewogen zu regeln. Dies gilt im besonderen bei Angelegenheiten, die die Kinder betreffen.

Sollten Sie zu den Eltern gehören, die nichtverheiratet sind und keine gemeinsame Sorge für ihr Kind haben, dann übertragen Sie die Ausführungen sinngemäß auf Ihre Situation. Denn für das Grundbedürfnis des Kindes nach Beziehung zu beiden Eltern ist es unerheblich, ob Sie verheiratet sind oder nicht. Es ist sogar unerheblich, ob die Eltern einmal zusammengelebt haben. Deshalb hat der Gesetzgeber auf dem Gebiet des Umgangsrechts Kinder von verheirateten und nichtverheirateten Eltern seit dem 1.7.1998 rechtlich gleichgestellt.

Da es sich bei Trennung/Scheidung um eine überaus komplexe emotionale, aber auch organisatorische Problematik handelt, ist es oftmals schwierig, unter Berücksichtigung der auftretenden Probleme eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung zu finden; ein Patentrezept gibt es nicht!

Es ist unser Bestreben, in individuell geführten Gesprächen mit Ihnen die Möglichkeit "Ihrer Lösung" auszuloten. Falls es Ihr Wunsch ist, helfen wir Ihnen zu klären, inwieweit Sie sich innerhalb Ihrer Beziehung voneinander entfernt haben und ob ein Zusammenbleiben in veränderter Form noch möglich ist oder nicht. Wenn der Trennungswunsch schon feststeht, gelingt es den Eltern oftmals mit unserer Hilfe, Handlungsstrategien und sogar Elternvereinbarungen zu erarbeiten, die Kindesinteressen und Belange der Eltern in fairer Weise berücksichtigen.

Auch das Gericht muß mit den Eltern die das Kind betreffenden Angelegenheiten besprechen und auf die psychosozialen Beratungsangebote mit dem Ziel hinweisen, daß die Eltern zu einer eigenverantwortlichen Regelung gelangen. Sollte dennoch ein Elternteil die alleinige elterliche Sorge beantragen, dann wird das Gericht unter Mithilfe des zuständigen Jugendamtes und eventuell unter Hinzuziehung eines psychologischen Gutachtens die Entscheidung treffen, die nach seiner Überzeugung dem Kindeswohl am ehesten entspricht.

Es liegt auf der Hand, daß im Rahmen einer gerichtlichen, von Rechtsanwälten begleiteten Auseinandersetzung die Bedürfnisse der einzelnen Familienmitglieder weit weniger berücksichtigt werden können, als es in einer außergerichtlichen Vereinbarung möglich ist. Die außergerichtliche Lösung kann alle strittigen Punkte einbeziehen, sollte aber auf jeden Fall die Angelegenheiten, die das Kind betreffen, klären. Denken Sie immer daran, daß Ihnen keine Richterin und kein Richter die alltägliche Verantwortung für Ihre gemeinsamen Kinder abnehmen kann. Eine gerichtliche Entscheidung kann immer nur eine Grundlage darstellen, nie ein Gesamtkonzept.

Allen sich trennenden Eltern muß bewußt sein, daß Partnerschaft zerbrechen kann, Elternschaft dagegen nicht auflösbar ist. Es darf nicht vergessen werden, daß

● Kinder Mutter und Vater brauchen;

● der Kontaktabbruch zu einem Elternteil das Kind in einen Loyalitätskonflikt führt, da es beide liebt.

● für das Kind eine (von außen erzwungene) Entscheidung für Mutter oder Vater gleichzeitig eine Entscheidung gegen den anderen bedeutet

● die Scheidung der Eltern für die Kinder eine Umstrukturierung, nicht aber die Auflösung der Familie bedeutet;

● nach der Trennung der Eltern erfahrungsgemäß die Kinder am besten zurechtkommen, die aus den Auseinandersetzungen ihrer Eltern herausgehalten werden und darüber hinaus enge Beziehungen zu Mutter und Vater pflegen können, denn Kinder brauchen beide Eltern;

● Kinder am Modell der Eltern lernen können, wie mit Konflikten konstruktiv umgegangen werden kann.

Wir wollen Ihnen dabei helfen, eine Ihrer persönlichen Situation entsprechende Lösung zu finden, die von Ihnen und den anderen Familienmitgliedern akzeptiert werden kann. Es ist sicher Ihr Ziel, eine Lösung zu finden, mit der Sie sich persönlich identifizieren können.

Vor diesem Hintergrund bieten wir Ihnen in allen Phasen der Familienentwicklung Einzel-, Paar- und Familiengespräche/-therapie an, sowie Mediation (außergerichtliche Regelung von Trennungs - Scheidungsfolgen), um "Ihre" Lösung zu erarbeiten. Darüber hinaus haben Sie die Möglichkeit, in Gruppengesprächen mit betroffenen Eltern Erfahrungen auszutauschen.

Zusätzlich zur Beratung/Therapie bietet der Arbeitsbereich IETE die Möglichkeit zum begleiteten Umgang.
Mit fachlicher Unterstützung kann der Kontakt zwischen Kind und dem außerhalb lebenden Elternteil in unseren Räumen organisiert werden. Ziel der dazugehörigen Elterngespräche ist es, innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens eine praktikable Umgangsvereinbarung zu erarbeiten.

Mit der vorliegenden Broschüre möchten wir Ihnen die grundlegenden Gedanken unserer Arbeit vorstellen und Ihnen einige Informationen an die Hand geben, von denen wir hoffen, daß sie Ihnen bei der Bewältigung Ihrer konkreten Situation eine Hilfe sind. Selbstverständlich kann eine Broschüre nicht alle Problembereiche berücksichtigen; sie ist deshalb als Ergänzung zu unseren Angeboten gedacht.

Wenn Sie noch weitere Fragen haben oder eine Beratung wünschen, können Sie sich gerne, auch in schriftlicher Form, an uns wenden. Selbstverständlich werden Ihre Anfragen vertraulich behandelt.



Ihre

IETE München,_______________________________Dezember 2005